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Street 750: Überzeugt die neue Billig-Harley?

Harley-Davidson ist ein Mythos: Wer sich bisher eine der Maschinen aus Milwaukee zulegte, war bereit, deutlich mehr Geld auf den Tisch zu legen, als für die Konkurrenz. Und das waren nicht wenige, zuletzt wuchs der Marktanteil hierzulande auf etwa 10 Prozent. Ausgerechnet der Hersteller selbst möchte an den hohen Verkaufspreisen nun scheinbar etwas ändern – und rundet die Modellpalette mit der neuen Street 750 nach unten hin ab.

Bisher markierte die kleine Sportster 883 mit einem Preis von etwas über 9.000 Euro den Einstieg in die Harley-Welt; die neue Street 750 soll diese Summe nun noch einmal um etwa 1.000 Euro unterbieten. Damit dürfte die Marschrichtung klar sein: Für diese Summe sind bei der Konkurrenz typische „Brot-und-Butter“-Motorräder der Mittelklasse zu bekommen. Harley-Davidson möchte offensichtlich die Zielgruppe um jene Fahrer erweitern, die gerne einen kernigen amerikanischen Zweizylinder fahren möchten, aber bisher nicht bereit waren, den Harley-Aufschlag zu bezahlen. Neulinge verfehlt man indes: Die Leistung von 42 kW/56 PS bei 8.000/min liegt über jene 48 PS, die Führerschein-Neulinge bewegen dürfen. Zudem ist unverständlicherweise kein ABS lieferbar – eigentlich sind blockierfreie Bremsen heute auch bei Einsteigermaschinen beinahe Standard. Auf dem Plan hatte der Hersteller ohnehin einen ganz anderen Markt: In aufstrebenden Schwellenländern wie China und Brasilien birgt der westliche Lebensstil noch Verlockungen – und eine echte Harley ist eine davon. Die Strategie erscheint angebracht, denn auf den klassischen westlichen Märkten sind die Verkaufszahlen seit Jahren rückläufig.

Die Preisreduzierung könnte jedoch auch hier zu lande dazu führen, dass sich einige dazu überwinden, sich eine Harley zuzulegen. Das fehlende ABS dürfte jedenfalls nicht die Hauptursache für den geringen Preis sein: Vor allem die Verlagerung der Fertigung dürfte einen erheblichen Anteil zur Kostenreduktion beigetragen haben. Die Street 750 wird in einem neuen Werk in Indien hergestellt. Leider scheint die Fertigung noch nicht mit amerikanischer Routine abzulaufen. Die Schweißnähte sind noch sehr rustikal ausgeführt, und auch die Kabelbäume sind nicht so verlegt, wie man das von einem neuen Motorrad erwartet. Ansonsten kann die Street 750 überzeugen: Das Fahrwerk ist für Harley-Verhältnisse ungewöhnlich handlich, der Motor ist drehfreudig und dabei durchaus spritzig. Die Reifen überzeugen durch Harley Qualität, doch auch diese bedürfen einen regelmäßigen Wechsel, was bei dem generell teuren Grundpreis des Bikes eine Investition darstellt. Portale wie tirendo.de ermöglichen das Recherchieren nach günstigen Reifen. Auch Zubehör kann dort erstanden werden, sollten weitere Teile nicht von der nötigen Qualität zeugen, so wie die Ergonomie, die zu Wünschen übrig lässt. Denn Brems- und Kupplungshebel am Lenker sind beispielsweise nicht einstellbar und auch der Winkel des Fußbremshebels dürfte einem Mitteleuropäer Probleme bereiten. Diese Probleme können jedoch weniger leicht behoben werden, als ein simpler Reifenwechsel.

Dass Harley-Davidson ein neues Modell auf den Markt bringt, welches die Zielgruppe in Schwellenländern bedient, erscheint durchaus sinnvoll. Denn der Motorradmarkt im Heimatland und auch in Europa ist überaltert; andere Marken wie Triumph und BMW feiern mit ihrem Expansionskurs und der Auslagerung der Produktion Erfolge. Bevor die Street 750 im nächsten Jahr zu uns kommt, sollte sich allerdings die Verarbeitung verbessern.

Ein Video der Maschine gibt es hier.